Verfall des Bahnhofs Großrosseln

Von Wolfgang Schöpp, Fenne

<Aus: Zur Geschichte des Warndts. Hrsg. Heimatkundlicher Verein Warndt e.V., Nr. 149, Heft 1 (2002), S. 1 – 3.>

   Gleisseite des Bahnhofs Großrosseln im Januar 2002 <Foto: O. Zillessen>

Am Endpunkt der Bahnlinie Fürstenhausen – Großrosseln (im Volksmund die Rosseltalbahn genannt) wurde am Rande der Ortsmitte von Großrosseln der Bahnhof erbaut. Die „königlich preußische Eisenbahnverwaltung" erstellte in den Jahren 1906 bis 1907 ein recht ansehnliches Bahnhofsgebäude. Der Bahnhofsneubau, der mit der Bahnlinie errichtet wurde, ist in demsel­ben Baustil erbaut wie der Bahnhof Geislautern und der ehemalige Bahnhof Wehrden, der im Jahre 1974 abgerissen wurde.

Das Empfangsgebäude ist ein zweigeschossiger Putzbau mit historisierender Werksteingliede­rung. Das Bahnhofsgebäude beinhaltete den Wartesaal 1. und 2. Klasse, den eingeschossigen ehemaligen Wartesaal-Anbau 3. und 4. Klasse und den Fahrkarten- und Gepäckschalter. Der erste Stock und das Dachgeschoss enthielten Wohnungen für das Eisenbahnpersonal.

In den Jahren 1939 und 1952 wurden Umbauten und Instandsetzungsarbeiten am Güterschup­pen durchgeführt, weil Gruben- und Kriegsschäden aufgetreten waren. Der Schuppen erhielt an Stelle von Fachwerk nun eine massive Außenmauer aus Klinkersteinen, behielt aber sein altes Dachgebälk, wie die noch vorhandenen Sparrenköpfe zeigen. Der kleine Zwischenbau vom Bahnhof zum Güterschuppen wurde auch erneuert und verlor sein Fachwerk. Um 1961 wurden ein neues Gebäude für die Eisenbahntechnik an das Empfangsgebäude angefügt und die Relaistechnik, Batterien und Umformer darin untergebracht. Ein neues „DR Stellwerk" wurde am Empfangsgebäude zu den Bahngleisen hin angebaut. Gleichzeitig mit diesen Bau­maßnahmen wurde das Erdgeschoss des Bahnhofs innen umgestaltet. Das Treppenhaus und die ursprüngliche Raumaufteilung im Ober- und Dachgeschoss blieben aber erhalten.

Geräteschuppen <Foto: O. Zillessen>

All diese Arbeiten standen im Zusammenhang mit dem Bau der Warndt-Kohlenbahn, die not­wendig war, das neue Bergwerk in Karlsbrunn an das Eisenbahnnetz anzuschließen. Die linke Saarufereisenbahn mit der Rossel- und Warndtkohlenbahn wurde elektrifiziert und bis 1963 in einzelnen Abschnitten in Betrieb genommen. Der ehemalige Güterschuppen war in Fachwerk ausgeführt, ebenso wie der kleine Zwischenbau (ehemaliger Geräteraum), der mit dem Emp­fangsgebäude verbunden war. Etwas abgesetzt sind das ehemalige Toilettengebäude und ein kleiner Geräteschuppen. Dieser schmucke Bahnhof erhielt von der Eisenbahnverwaltung den „Status II. Klasse". Zu dem Bahnhofskomplex gehörte noch eine Gleiswaage bis zu 30 Ton­nen, ein Kran bis zu 5 Tonnen und eine Laderampe für Kopf- und Seitenverladungen.

Am 1. Juli 1907 weihte man die neue Bahnlinie und den Bahnhof feierlich mit einem Festakt ein. Der Eröffnungszug fuhr am folgenden Montagnachmittag von Saarbrücken über Fürsten-hausen nach Großrosseln. Der Zug war mit Girlanden und Wimpeln geschmückt und traf um 16.00 Uhr im Bahnhof Fürstenhausen ein. Von dort aus ging die Fahrt ins Rosseltal über Geislautern, an dem neuen Rosselschacht der Grube Velsen vorbei, zum Endpunkt der Eisen­bahnstrecke, dem Bahnhof Großrosseln, entgegen. Hier erwartete die Honoratioren des Eröff­nungszuges ein großes Empfangskomitee. Angehörige der Amtsgemeinde Ludweiler, an der Spitze Bürgermeister Poller, begrüßten die Vertreter der Eisenbahnbehörde, unter ihnen die Herren Firnhaber und Oester, sowie anderer Behörden und verliehen dem Wunsch Ausdruck, dass die auf die Bahn gesetzten Hoffnungen, nämlich die Entwicklung des bis jetzt noch un­aufgeschlossenen Rosseltals, in Erfüllung gehen möchten. In „liebenswürdiger" Weise wurde den Teilnehmern auf dieser ersten Fahrt ein Imbiss gereicht. Sodann wurde unter den munte­ren Klängen der Musikkapelle der Grube Gerhard die Rückfahrt angetreten.

Ein reger Personal- und Güterverkehr entwickelte sich bis zum Zweiten Weltkrieg. Eine Be­sonderheit hatte die Strecke Saarbrücken - Fürstenhausen - Großrosseln aufzuweisen. Auf ihr verkehrten, neben den Personenzügen, auch die so genannten „Wittfeld'schen Akkumulator­triebwagen der preußischen Bauart AT 3". Die Königliche Eisenbahndirektion Saarbrücken setzte ab 1908 einige davon auf der Strecke Saarbrücken - Bous ein. Diese Triebwagen be­dienten unter Anderem auch die Strecke Saarbrücken Hbf. - Gersweiler - Fürstenhausen - Geislautern - Velsen - Großrosseln. Ein Speichertriebwagen fuhr noch nach dem Zweiten Weltkrieg (bis zum Jahre 1948) von Saarbrücken nach Großrosseln und zurück. Am I . Mai1968 wurde der Bahnhof Großrosseln ein unbesetzter Bahnhof. Die Weichen und Signale

steuerte man nun vom Bahnhof Fürstenhausen aus. Mit dem Rückgang der Fahrgäste stellte die Deutsche Bundesbahn (DB) den Personenzugverkehr im Jahre 1976 auf der Rosseltalstrecke ein. Der Personentransport wurde auf die Straße verlagert und mit Bussen fortgeführt. Der Bahnhof wurde teilweise außer Betrieb gestellt. Bahnhofsgleise wurden mit den Jahren zurückgebaut.



Toilettengebäude <Foto: O. Zillessen>

Das Empfangsgebäude ist in den letzten Jahren in einen schlimmen baulichen Zustand gera­ten, weil es nicht mehr bewohnt und genutzt wird. Die Fenster wurden mit Holzplatten verna­gelt. Das Dach wurde undicht, und Regenwasser dringt bis ins Erdgeschoss ein.

Der Bahnhofsbau ist in einen „Dornröschenschlaf" verfallen, denn es stellte sich um das Ge­bäude, vor allem von der Bahnseite her, ein starker Grünbewuchs ein. Das „Abortgebäude", das einzige, das an dieser Strecke noch erhalten ist, wirkt sehr verwahrlost. Der Bahnhof ist heute noch im Besitz der Deutschen Bahn AG, die das Gleisbildstellwerk für Notfälle mit dem im Nebengebäude befindlichen Relais und dem Batterieraum in Funktion hält. Die ehe­malige Güterhalle wurde von der Bahn verkauft und wird zur Zeit von einem Getränkehändler genutzt, der auch eine kleine Gastwirtschaft betreibt.

Das Bahngelände mit dem Toilettengebäude und dem kleinen Gerätebau ist von der Bahn ver­kauft, so dass nur noch das eigentliche Empfangsgebäude der Deutsche Bahn AG gehört. So wurde das ganze Bahnhofsensemble auseinander gerissen und hat nun verschiedene Eigentü­mer, was sehr schade ist! Im Jahre 1998 hat ein Brand im ehemaligen Bahnhof einen Schaden von rund 20.000,- DM angerichtet. Unter Anderem wurden nach dem Brand Teile des Trep­penhauses entfernt und die Wandverkleidung ausgebaut. Gips und Verputz fallen teilweise von den Wänden, sodass das Gebäude unbewohnbar geworden ist.

Der Heimatkundliche Verein Warndt, dem dieses kulturgeschichtliche Kleinod der Industrie­geschichte am Herzen liegt, ist es mit der Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde Großrosseln ge­lungen, im Jahre 2001 das Bahnhofsgebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen.

Der Bahnhof Großrosseln mit seinem imposanten Baustil hat ein besseres Schicksal verdient als das jetzige. Zählt doch ein Bahnhof in einem Ort (sofern dieser einen hat) zu den öffentli­chen Gebäuden wie etwa Kirchen, Rathaus, Schulen usw., die einer Gemeinde erst das Ge­sicht geben und den Ort aufwerten. Somit hoffen die Heimatkundlichen Vereine und die Be­wohner des Warndts, dass das Bahnhofsgebäude wieder hergerichtet wird, sein schmuckes Aussehen der früheren Jahre zurückerhält und von der Zeit erzählt, als man noch mit der Eisenbahn reiste.