Interessengemeinschaft Warndt- und Rosseltalbahn                 

Berichte zum Verkehrsentwicklungsplan Saarbrücken, soweit sie den Saarbahnausbau betreffen und zum VEP Saarland ÖPNV


Saarbrücker Zeitung vom 27.08.2015




SAARBRÜCKEN  

Ohne Entschlossenheit keine Zukunft

Saarbrücken will seine Mobilität f ür die nächsten Jahre neu gestalten, doch ein ernsthafter Umbau kostet Geld und dürfte vielen wehtun

  

Von Fabian Bosse, 26.08.2015 00:00  

Saarbrücken will seine Mobilität f ür die nächsten Jahre neu gestalten, doch ein ernsthafter Umbau kostet Geld und dürfte vielen wehtun

Von Fabian Bosse, 26.08.2015 00:00

Saarbrücken plant den Verkehr der Zukunft. Das Ziel: die Stadt lebenswerter machen. An Ideen mangelt es nicht, doch genauso wenig an Hindernissen. Vor 77 Jahren war das Straßenbahnnetz so ausgebaut, wie es sich viele für die Saarbahn von morgen wünschen würden.

Für seine Leidenschaft hat Markus Philipp nur rund zehn Quadratmeter Platz. Nun würden viele Menschen bei seinem Hobby nicht gerade das Wort Leidenschaft gebrauchen. Markus Philipp liebt den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Dazu sammelt er alles, was Archive und Sammler zu diesem Thema hergeben: Modelle, Dienstkleidungen, Fahrkarten, Fotos. So ist auf seinen zehn Quadratmetern, das umfangreichste ÖPNV-Archiv in Saarbrücken entstanden. Der 41-Jährige hat kuriose Sachen: zum Beispiel über 300 Dienst-Krawatten, uralte Fahrpläne und Prägemaschinen. So langweilig der Begriff ÖPNV auch anmutet: Er ist ein Politikum. Mobilität betrifft jeden in einer Stadt , er entscheidet über den Erfolg als Wirtschaftsstandort und hat Einfluss auf die Lebensqualität seiner Bewohner.
In Saarbrücken wird gerade der Verkehr bis zum Jahr 2030 geplant. Dieser Verkehrsentwicklungsplan (VEP) wird die Weichen dafür stellen, wie wir uns in den nächsten 15 Jahren in der Stadt fortbewegen werden. Im Jetzt ist Saarbrücken eine der größten Autofahrerhochburgen der Republik. In kaum einer anderen Stadt gibt es so viel Verkehr: 2014 kamen hier auf 1000 Einwohner 642 Autos. 114 907 Autos waren hier gemeldet, bei 179 010 Einwohnern. Und täglich kommen 120 000 Berufs- und Ausbildungspendler aus der Region. Viele von ihnen mit dem Auto . Nur 17 Prozent nutzen den ÖPNV, vier Prozent das Fahrrad. 

Das war mal anders: Vor rund 80 Jahren bewegten sich die Menschen entweder zu Fuß, mit dem Rad – oder sie fuhren Straßenbahn. Das Liniennetz der Straßenbahn reichte von Heusweiler bis Ormesheim, von Schafbrücke bis nach Ludweiler und von Spiesen-Elversberg bis Forbach. Bahnen fuhren nach Schafbrücke, auf den Rotenbühl, durch Alt-Saarbrücken und St. Arnual.

    

Der „Feurige Elias“ war die erste Dampfstraßenbahn. Sie fuhr 1890 über den St. Johanner Markt nach Luisenthal. Damit beginnt der Öffentliche Personennahverkehr in Saarbrücken. Am 8. Februar 1899 wurde die erste elektrifizierte und 5,85 Kilometer lange Strecke von Malstatt nach St. Arnual eröffnet. Straßenbahnen waren das Rückgrat des ÖPNV. 1965 wurden sie stillgelegt.
Markus Philipp sieht das ganz unaufgeregt: „Es war eine Entscheidung vorrangig für den Individualverkehr.“ Die Bahnen wichen Bussen und Autos, die als Verkehrsmittel der Zukunft galten. Der Bau der Stadtautobahn 1963 galt als Symbol der Moderne, sagt Hans-Christian Herrmann, der Leiter des Stadtarchivs in einem Interview mit der SZ im Februar. „ Die Mehrzahl der Saarländer lebte schon damals in kleineren Orten und Städten, und die Mehrheit arbeitete in Saarbrücken. Nach Eröffnung der Stadtautobahn wunderten sich die Saarbrücker Chefs, ihre Mitarbeiter kamen fast 30 Minuten früher zur Arbeit. Mit der Stadtautobahn ging vieles schneller, vor allem wälzten sich vorher Verkehrslawinen durch die Stadt . Die Autobahn brachte Entlastung, aber immer mehr Menschen wurden zu Autobesitzern und so stieg das Verkehrsaufkommen trotzdem kontinuierlich. Saarbrücken hat den Verkehr einer Millionenmetropole“, erzählt Hans-Christian Herrmann.
Heute überlegt man wieder, wie man diesen Prozess rückgängig machen kann. Viele Stadtplaner sind sich dabei einig: Das gehe nur, indem man den Autoverkehr reduziert. Eine Stadt mit hoher Lebensqualität ist kein reiner Selbstzweck, sie zieht hochqualifizierte Arbeitskräfte an, die in einem guten Umfeld leben wollen oder sonst woanders hingehen. 

Und wie kann man eine Stadt lebenswerter machen? 
In Saarbrücken plant man, den Fahrradanteil von derzeit mickrigen vier Prozent auf zehn Prozent zu erhöhen. Dazu soll auch nach Meinung vieler die Saarbahn ausgebaut werden. Eine Saarbahnlinie 2 von Scheidt nach Burbach bis 2019 war Teil der Ausbaupläne nach Lebach. Wird die Strecke bis dahin nicht gebaut und abgerechnet, müssen über sechs Millionen Euro Fördermittel zurückgezahlt werden, sagte Peter Edlinger, kaufmännischer Geschäftsführer des VVS-Konzerns im Juni 2014. Die Kosten für diese Linie 2 bezifferte Edlinger auf 48 Millionen Euro, neun Millionen Euro müsste die Stadt zahlen. 

Die Landesverwaltung hält sich derzeit noch bedeckt. Man wolle erst die Förderverteilungspläne des Bundes abwarten. Dazu prüft man gerade mit einer Studie, wie der grenzüberschreitende Personen- und Güterverkehr verbessert werden soll. So könnte zum Beispiel die bereits existierende Bahnstrecke von Völklingen nach Überherrn reaktiviert und elektrifiziert werden. Weil davon auch die Saarbahn profitieren könnte, brachte der Verkehrsclub Deutschland (VCD) kürzlich auch den Vorschlag ins Gespräch, die Saarbahn von Saarbrücken bis Überherrn fahren zu lassen. 

Die Studie des Landes war auch für die Stadtratsfraktion der Linken der Anlass, eine weitere Linie vorzuschlagen: von Dudweiler über die Universität durch die Innenstadt, danach über den neuen HTW-Standort in Alt-Saarbrücken am linken Saarufer entlang durch Gersweiler und Klarenthal bis in den Warndt. Dort könne die Saarbahn dann unter Reaktivierung der ehemaligen Rosseltalbahn bis nach Forbach gehen“, sagt Lothar Schnitzler, der verkehrspolitische Sprecher. 

Die derzeitige 44 Kilometer lange Saarbahnstrecke von Saargemünd bis Lebach hat über 400 Millionen Euro gekostet. Das Defizit von Bus und Saarbahn beläuft sich auf 15 Millionen Euro jährlich, sagte der Saarbahngeschäftsführer Peter Edlinger der SZ im Oktober 2014. Ein Drittel der Summe entfalle davon auf die Saarbahn. Zuschüsse für den laufenden Betrieb gibt es nur auf Abschnitten, die als Eisenbahnstrecken gelten, wie zwischen Saargemünd und Brebach. Angesichts der Haushaltslage von Stadt und Land wird ein Ausbau kaum möglich sein, wenn Teile der Baukosten und des Betriebs durch Bund und EU nicht ausgeglichen werden. Nur: Ohne Einschnitte und Kosten gibt es nicht mehr Lebensqualität . Beispiele anderer Städte (wie Kopenhagen), die ihre Flächen für Fahrräder und den ÖPNV umgeplant haben, zeigen, dass dies nur funktioniert, wenn Autos massiv Fahr- und Parkraum weggenommen werde. 

Mikael Colville-Andersen berät mit seiner Firma Copenhagenize Consulting Städte, die dem Beispiel Kopenhagen folgen wollen. In Dänemarks Hauptstadt fahren mehr als die Hälfte der Einwohner mit dem Rad zur Arbeit oder Schule. Bei den Pendlern liegt die Quote bei 37 Prozent. Im Gespräch mit der Zeitung „ Die Zeit“ nannte Colville-Andersen bereits 2012 das Druckmittel, mit dem man die Menschen zum Umsteigen bewegen könne: Für Pendler zählen keine ökologischen Gründe, um ihr Auto stehen zu lassen, sondern rein ökonomische. Heißt: Erst wenn das Auto teurer ist als Fahrrad und ÖPNV, es keinen innerstädtischen Parkraum gebe und man länger von A nach B brauche, erst dann steigen Autofahrer um. „Es braucht nur den Mut und die Entschlossenheit der zuständigen Verantwortlichen“, sagt Colville-Andersen

29. Mai 2018 | 20:57 Uhr

Verkehrsentwicklungsplan kommt später

Streit um Bahnverkehr über die Grenze










Nur noch an Karfreitagen fahren Züge von Dillingen nach Bouzonville – wegen des Traditions-Markts. FOTO: RUP 

Saarbrücken/Berlin/Paris. In der großen Saar-Koalition fahren CDU und SPD in entgegengesetzten Zügen bei der Frage des Schienenverkehrs.  von Dietmar Klostermann

Saar-Europa-Staatssekretär Roland Theis (CDU) hat große Hoffnungen, was die Zusammenarbeit des Saarlands mit der französischen Grenzregion angeht. Diese Hoffnungen ruhen auf der 18-köpfigen Arbeitsgruppe von Abgeordneten der französischen Nationalversammlung und des deutschen Bundestags, die den jetzt 55 Jahre alten Elysée-Vertrag gründlich renovieren wollen. Vor allem die Grenzregionen sollen viel stärker als bisher zusammenarbeiten. „Ich freue mich riesig darüber, dass wir insbesondere mit dem franzöischen Abgeordneten aus Forbach, Christophe Arend, einen Verbündeten für unsere Ideen zur Stärkung der Grenzregionen haben“, jubelte Theis jetzt in einer Pressemitteilung. Arend ist Mitglied von Emmanuel Macrons Marschbewegung. In der Arbeitsgruppe, die jetzt regelmäßig zwischen Berlin und Paris pendelt, sitzt als einziger Saarländer auch der Saar-SPD-Generalsekretär Christian Petry, den Theis nicht erwähnte.

Zügig soll es in der Grenzregion nach Theis Vorstellungen vor allem bei der Schaffung einer gemeinsamen Verwaltung für den Eurodistrict Saar-Moselle vorangehen. Dieser Eurodistrict könnte demnach Träger von Kitas und des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) im Grenzgebiet werden, erklärte Theis. Den „Makel der Grenzlage“ gelte es durch bessere Schienenverbindungen abzustreifen. „Für das Saarland gilt dies für die Fernverbindung von Frankfurt nach Paris. Gleichsam gilt dies aber für die Verbesserung der Schienenverbindung im Dreieck Metz, Luxemburg, Saarbrücken“, betonte Theis.

Im Arbeitskreis von Nationalversammlung und Bundestag gibt aber einstweilen der Vorsitzende, der Konstanzer CDU-Abgeordnete Andreas Jung, die Richtung vor. Vorrangig ist für Jung der „zügige Wiederaufbau“ der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bahnstrecke Freiburg-Colmar, die just am Pannen-Atomkraftwerk Fessenheim vorbeiführt, wie jetzt die „Stuttgarter Zeitung“ berichtete. Dort soll nach Schließung des AKW ein riesiges Gewerbegebiet entstehen. „Das soll keine Sankt-Nimmerleins-Bimmelbahn werden“, betonte Jung demnach.

Während Theis im Europa-Ministerium bereits von einem funktionierenden Grenzverkehr auf der Schiene träumt, kann sich das auf der anderen Saarseite gelegene Verkehrsministerium von Anke Rehlinger für diese Zukunftsideen nicht erwärmen. Auf eine Anfrage der SZ, welche grenzüberschreitenden Bahnverbindungen das Saarland nach Lothringen und Luxemburg reaktivieren oder neu bauen wolle, antwortete Rehlingers Sprecherin Jennifer Collet: „Der Neubau oder die Reaktivierung von Bahnverbindungen aus dem Saarland nach Lothringen sind nicht geplant.“ Im Schienenbereich gebe es keine direkte Verbindung zwischen dem Saarland und Luxemburg. Die „Aufrechterhaltung der vorhandenen grenzüberschreitenden Verkehre“ sei aber nach wie vor ein wesentliches Ziel bei der Gestaltung des Öffentlichen Personennahverkehrs in der Großregion.

Dabei läuft momentan über den Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd die Vergabe des Schienenpersonennahverkehrs über fünf Jahre von Dezember 2018 bis 2023 auf der Strecke Dillingen-Niedaltdorf zusammen mit der Strecke Saarbrücken-Pirmasens. Doch trotz vielfacher Forderungen aus der Kommunalpolitik und von Verkehrsverbänden werden seitens des Verkehrsministeriums keine Anstrengungen unternommen, die Bahnstrecke Dillingen-Niedaltdorf-Bouzonville-Metz zu reaktivieren. Dabei könnte auch die Bahnverbindung Dillingen-Thionville-Luxemburg reaktiviert werden - wenn denn der Wille da wäre.

Auch die von Lothringer Politikern geforderte Anbindung Forbachs an die Saarbahn, dort Tram-Train genannt, stößt im Saar-Verkehrsministerium auf keine Begeisterung. „Die Aufgabenträgerschaft für Straßenbahnverkehre liegt im Saarland bei den Kommunen und hier somit bei Forbach und Saarbrücken. Ob die erforderlichen Fahrzeuge und der Betrieb finanzierbar sind, muss noch untersucht werden“, sagte Collet. Dem Land sei aufgrund der begrenzten Mittelausstattung eine Mitfinanzierung nicht möglich. Eine Busverbindung scheine ohnehin die bessere Alternative zu sein, um die bestehenden Verkehrsbedürfnisse im ÖPNV kostengünstig und wohnortnah zu realisieren, so die Rehlinger-Sprecherin.

Während Theis vom modernen Schienen-Grenzverkehr mit dem hoch-effizienten Antriebsmotor „Elysée 2.0“ schwärmt, der ganz im Sinne Macrons „marschiert“, ist der neue Verkehrsentwicklungsplan ÖPNV im Saarland ins Stocken geraten. Nach ursprünglicher Planung des Verkehrsministeriums sollte dieser im Frühsommer 2018 fertig gestellt sein und der Öffentlichkeit vorgelegt werden. Jetzt ist bereits von „frühestens Herbst 2018“ die Rede.



Die Rehlinger-Sprecherin Collet räumte ein, dass „zusätzliche Datenerhebungen“ nötig geworden seien, darunter „die detaillierte Erfassung und Bewertung der Ausstattung und Qualität der Stationen“. Der Verkehrsentwicklungsplan ÖPNV werde unter Beteiligung der Öffentlichkeit und aller Interessengruppen erarbeitet. Der gesamte Prozess werde von einem Beirat begleitet, dem Verbände, Aufgabenträger, Verkehrsunternehmen, Kammern und Gewerkschaften angehörten. Die regelmäßige Abstimmung und Rückkopplung bringe einen erhöhten Zeitaufwand mit sich, werde aber zu einem differenzierten und besser abgestimmten Ergebnis führen. „Mehr Zeitbedarf zugunsten eines besseren Ergebnisses haben wir dabei bewusst in Kauf genommen“, sagte Collet.

Aus der saarländischen Bevölkerung seien bisher rund 300 Einzelvorschläge zur Verbesserung des ÖPNV eingegangen, die fortlaufend behandelt und bewertet würden. „Vorbehalte gegenüber Vorschlägen von Experten oder aus der Bevölkerung gab es zu keiner Zeit – im Gegenteil“, betonte Collet. Um den ÖPNV attraktiver zu machen, brauche es die Bewertung der Nutzer. Die Rückmeldungen und Anregungen von Experten wie auch Kunden seien daher sehr wertvoll und würden vorbehaltlos in den weiteren Prozess eingearbeitet.

Saarbrücker Zeitung, 30.05.2018

 

E-Mail
Anruf
Karte
Infos